Die Baugeschicht
der Pfarrkirche St. Martinus

Äußeres

Betrachtet man zunächst den Außenbau, so bemerkt man sofort, daß der Westturm nach dem Kriege um ein weiteres Glockengeschoß aus Holz mit Schieferverkleidung erhöht wurde. Dieses trägt wieder statt der Barockhaube ein gotisches Pyramidendach. Gegen das letzte Turmgeschoß stößt der First des Mittelschiffs, dessen Ostende H. Balke (Köln) durch ein Kreuz mit einer Taube zierte. Die Außenwände der Turmuntergeschosse zeigen außer den zweiteiligen Fenstern mit Schallbrettern im Backsteingeschoß nur schmale Schlitze. Das Rundbogenfenster an der Südseite ist eine spätere Zutat. Die den Turm einfassenden Giebel der Seitenschiffe der Kirche werden durch Maßwerk aus Backstein gegliedert. An den Langseiten öffnen hohe gotische Fenster das Mauerwerk. Sie sind durch schmale Werksteinrippen dreigeteilt. In der Mitte erscheint noch ein Querriegel als waagerechte Teilung. Schöne Couronnements mit Pässen und Fischblasen zieren das Maßwerk. Zwischen den Fenstern treten entsprechend den Jochen im Innern die Strebepfeiler vor, deren Vorsprünge mit Abschrägungen oder kleinen Übergiebelungen abgedeckt sind. In Höhe der Fensterbankgesimse werden die Pfeiler von einem Horizontalband aus Werkstein umzogen. Im Sockel der unteren Mauerflächen erkennt man in den letzten westlichen Feldern noch alte Zugänge. An der Nordseite führte die jetzt vermauerte zweite Tür unmittelbar auf die Nonnenempore.
Neben dem Chor steht als Verlängerung des südlichen Seitenschiffs die heutige Sakristei. Dieser kleine niedrige Anbau mit eigenem Walmdach war zunächst als Seitenchörchen gedacht. Maßwerkfenster verschiedener Vertikalteilung belichten das Innere des kleinen Bauwerks. Zwischen dem von Sakristei und Chor gebildeten Winkel steigt ein quadratisches Treppentürmchen bis über das Hauptgesims empor und führt in den Dachraum des Mittelschiffs. An der Nordseite des Chores ist noch ein schlichter Anbau, eine Zutat des 19. Jh., als von der Kirche aus zugänglicher Nutzraum sichtbar. Der nicht mehr allgemein erreichbare Unterbau des Chorhauptes zur Überwindung des Geländeablaufs wird als kleine Halle bezeichnet. Kräftige Backsteinpfeiler mit derben Rippen tragen hier Kreuzgewölbefelder. Der Raum war früher zugänglich durch jetzt vermauerte Korbbogenöffnungen.

Innenraum

Man betritt das Gotteshaus jetzt durch das Spitzbogentor an der Westseite des Glockenturmes. In der Turmhalle, die durch ein schmiedeeisernes Gitter vom Kirchenschiff getrennt ist, befindet sich seit Ende der achtziger Jahre in einer Nische der Nordwand eine Madonnenfigur aus dem 19. Jh. Eine offene Treppe führt zu den Emporen und zur Orgelbühne. Die hohe lichte Halle des spätgotischen Kirchenraumes wird durch achtseitige schlanke Backsteinpfeiler mit vertikaler Rillengliederung in drei Schiffe unterteilt. Die Pfeiler tragen die sterngewölbten Jochfelder der Kirchenschiffe. Die Gewölberippen oder Dienste steigen auf kleinen Konsolen oder Menschenköpfen zur Höhe und vereinigen sich im Gewölbe zu Sternmustern. Kleine Wappenschildchen und Figuren mit Zunftabzeichen an den Gurtansätzen weisen auf die Stifter hin. Die Schlußsteine in den Schiffen zeigen religiöse Symbole mit Ausnahme des Wappenschildes ... . Dieses befindet sich wie die Rosa mystica (Maria) und der Kirchenpatron mit dem Bettler im Mittelschiff. Für die Seitenschiffe wählte man als Themen "St. Sebastian" über der Südempore; es folgen die "Taube des Hl. Geistes", die "Waage" und eine "Kreuzigung". Im nördlichen Seitenschiff sind "Opferung", die "Gesetze des Moses", "Kelch mit Schlange" und der "Finger Gottes" als Motive für den Schmuck der Schlußsteine ausgewählt. Im Chor tragen runde Dienste mit Kapitellen die Gewölberippen. Diese beginnen hier in Höhe der Fenstergesimse. Beim Triumphbogen unterbricht eine zweite Konsole die schon in Übermannshöhe aufsteigenden Rippen. Ein Christuskopf bildet im Chorjoch den Schlußstein, während im siebenstrahligen Stern des Chorhauptes ... .
Nach dem Zweiten Weltkrieg ersetzte Bildhauer Theo Heiermann (Köln) fehlende Schmuckteile der Gewölbenetze durch Neuschöpfungen.

Fenster

Der Kirchenraum wird von dem durch die hohen gotischen Fenster gebrochenen oder gefilterten Licht maßgeblich beeinflußt. Es war Aufgabe der nach dem Kriege tätigen Glasmaler, ihm und den farbigen Ausstattungsstücken in ihren Entwürfen zu entsprechen. Mit dem Entwurf der Chorfenster beauftragte der Kirchenvorstand den Künstler E. Jansen-Winkeln (Mönchengladbach). Thema war unter dem Eindruck der Kriegsschrecken das "Weltgericht" nach der Apokalypse des hl. Johannes. Im Mittelfenster beherrscht Christus als Weltenrichter die sonst kleinfigürlichen Darstellungen, unter denen man die zwölf Stammväter Israels in Verbindung mit den Aposteln erkennt. Die zarte Figurenkomposition wird eingefaßt in eine großflächige Ornamentik, die wie Kristall wirkt.
Zur Gestaltung der Fenster im Südschiff zog man den Künstler Wilhelm Buschulte (Unna) heran. Er überzog die Glasflächen mit harmonisch abgestimmten Bleinetzen kleinerer oder größerer Dreiecke und Quadrate. Durch wohlabgestimmte Farbtönung der Gläser erzielte der Künstler eine dem Raum genehme, stets wechselnde Tönung, die diesen steigert.
Über dem Katharinenaltar befindet sich seit den achtziger Jahren das sogenannte Friedensfenster, das der Künstler Professor Ludwig Schaffrath (Alsdorf) mit zahlreichen in Weiß und Grau gehaltenen Prismen gestaltet hat. Das Friedensfenster symbolisiert die Völkerverständigung und die Freundschaft, die sich seit den siebziger Jahren zwischen den ehemaligen Gegnern des Zweiten Weltkrieges auf dem Schlachtfeld in der Nähe des Hubertuskreuzes angebahnt hat. Die Plaketten neben dem Friedensfenster zeigen die Divisionszeichen der Truppen, die damals hier kämpften, sowie das Stadtwappen von Linnich. Die Plaketten wurden von dem Kunstschmied Peter Naida (Linnich-Welz) gefertigt.

Quelle: "St. Martinus in Linnich" Seite 8, 9 und 12